Verbreitung der Schizophrenie
Schizophrenie tritt nach einer etwas älteren WHO-Studie in allen Kulturen mit einer Häufigkeit von etwa 1% auf. Tatsächlich gibt es aber unterschiedliche Häufigkeiten: Der mittlere Osten und Ozeanien sind eher öfter betroffen, westliche Länder weniger. Schizophrenie tritt in Städten häufiger auf als auf dem Land.
Die Suche nach eindeutigen genetischen Ursachen der Schizophrenie verlief ergebnislos. Vermutlich gibt es Genkonstellationen, die zu erhöhter Vulnerabilität führen. Bei eineiigen Zwillingen, von denen einer erkrankt ist, hat die andere Person ein Risiko von 50%, ebenfalls zu erkranken.
Sozialer Status
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Armut. Vermutlich ist Armut kein Auslöser von Schizophrenie, sondern Schizophrenie führt zu Armut. Dazu tragen mehrere Aspekte bei.
Arbeitsunfähigkeit
Viele schizophrene Patienten sind auch außerhalb eines psychotischen Schubes arbeitsunfähig.
Vereinsamung und Isolation
Die Familie bietet eine wichtige Ressource für Kranke. Schizophrene haben krankheitsbedingt oft keinen Bezug zu Familie und (ehemaligen) Freunden. Eine Auswahl typischer Symptome
- Plus-Symptome: Wahn (besonders in Bezug auf nahestehende Personen), Denkstörung
- Minus-Symptome: Kaum Affekte, reduzierte Mimik, Antriebslosigkeit, verflachtes Denken, reduzierte Sprache
zeigt, dass der Patient kaum Beziehungen pflegen kann und dass Zuwendung vom Patienten nicht erkennbar honoriert werden kann. Minus-Symptome sind einer Behandlung nur schlecht zugänglich, treten auch zwischen psychotischen Schüben auf und nehmen im Krankheitsverlauf eher zu.
Das ist in mehrfacher Hinsicht bedauernswert, gerade auch, weil psychisch Kranke, die im familiären Umfeld bleiben, eine wesentlich bessere Prognose haben (Quelle: Weinmann, Stefan: Erfolgsmythos Psychopharmaka; ISBN 978-3-88414-455-8).
Lebenserwartung
Schizophrene Personen haben eine zehn bis 20 Jahre geringere Lebenserwartung als gesunde Menschen. Neben Krankheitsfaktoren wie
- hohe Suizidrate (vier- bis fünffach erhöht),
- Hyponatriämie durch übermäßiges Trinken,
- fehlerhafte Ionenkanäle und dadurch erhöhtes Risiko für plötzlichen Herztod,
- fehlendes Bewusstsein für auffällige Körperzustände,
- fehlendes Bewusstsein für gute Ernährung, und der
- Schwierigkeit, Arztbesuche zu organisieren
tragen auch
- Rauchen (ein hoher Prozentsatz schizophrener Patienten greift zur Zigarette, vermutlich wegen der Nikotin-Wirkungen),
- und Armut
erheblich dazu bei. Dazu kommen noch Gesundheitsrisiken durch Nebenwirkungen von Psychopharmaka:
- Gewichtszunahme und metabolisches Syndrom mit Diabetes, erhöhten Blutfetten und damit verbundenem Herz-Kreislauf-Risiko, zum Beispiel verursacht durch Clozapin, Olanzapin, Quetiapin,
- Auswahl unangemessener Kleidung durch gestörtes Temperaturempfinden,
- Herzrhythmusstörungen durch QT-Zeit-Verlängerung,
- bei einigen Arzneimitteln Leberschäden, Thrombosen, Blutbildschäden, Krampfanfälle,
- selten ein malignes neuroleptisches Syndrom.
Neuroleptika unterscheiden sich in ihren Nebenwirkungen. Mit etwas Glück kann ein gut verträgliches Arzneimittel gefunden werden. Wo dies nicht möglich ist, müssen die Nebenwirkungen aktiv beobachtet und rechtzeitig behandelt werden.
Kriminalisierung
Gewalt wird nur von einer Minderheit psychotischer Patienten angedroht oder ausgeübt, auch wenn ein Blick in die Presse andere Eindrücke erzeugt. Falls es zu Gewalt kommt, ist entscheidend, wie die Gesellschaft damit umgeht. Ein Extrembeispiel ist die USA (und was hier beschrieben wird, war schon vor der Trump-Ära so): Generell ist das Gefängnis im Land of the Free eine wichtige Institution – nirgendwo auf der Welt sind so viele Personen eingesperrt wie dort (Mitte 2024 waren es laut Statista 1,8 Millionen, über 5% der Bevölkerung).
Die zwei größten psychiatrischen Einrichtungen des Landes sind Gefängnisse, schätzungsweise ein Viertel der in USA Inhaftierten hat eine schwere psychische Erkrankung. Im Gefängnis erfolgt mit viel Glück eine Grundversorgung der psychischen Erkrankung. Nach der Entlassung stehen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und damit auch der Abbruch der arzneilichen Versorgung an. Somit ist der nächste Gefängnisaufenthalt vorprogrammiert. Quelle: Stahl's Essential Psychopharmacology, 5th Ed. Seite 146. Neben den entsetzlichen Folgen für die Kranken stellt sich auch die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten; eine adäquate ambulante Behandlung könnte das Justizsystem entlasten.
Migration
Migration ist ein deutlicher Risikofaktor für Schizophrenie. Das Risiko ist auch bei der ersten im neuen Land geborenen Generation noch deutlich erhöht. Es ist anzunehmen, dass belastende Umstände, die zur Migration geführt haben, wie auch belastende Erlebnisse während und nach der Migration, dazu noch der Verlust des Kontaktes zum früheren Umfeld, bei vulnerablen Personen psychische Erkrankungen auslösen können. In Herkunftsländern im globalen Süden verlaufen Psychosen anscheinend milder als bei Migranten.